Artenschutzprojekt Bachmuschel

Erwachsene Bachmuscheln leben auf dem Grund eines Bachs / © Dr. G. Lakmann
Erwachsene Bachmuscheln leben auf dem Grund eines Bachs / © Dr. G. Lakmann
Trächtige Bachmuschel-Weibchen, die zur Infektion von Wirtsfischen im Labor verwendet werden / © Dr. G. Lakmann, die zur Infektion von Wirtsfischen im Labor verwendet werden © Dr. G. Lakmann
Trächtige Bachmuschel-Weibchen, die zur Infektion von Wirtsfischen im Labor verwendet werden /<br />© Dr. G. Lakmann
Mit Glochidien infizierte Wirtsfische (Stichlinge) werden ausgesetzt / © Dr. G. Lakmann
Mit Glochidien infizierte Wirtsfische (Stichlinge) werden ausgesetzt / © Dr. G. Lakmann

Die Bachmuschel (Unio crassus), auch Kleine Flussmuschel genannt, lebt in sauberen Fließgewässern (Bäche und Flüsse). Die Muschelart war bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts in Nord- und Mitteleuropa noch weit verbreitet. Seither ist ein dramatischer Rückgang der Art festzustellen, der auf den Ausbau der Fließgewässer und deren Verunreinigung mit Nährstoffen und Schadstoffen zurückzuführen ist. Heute gehört die Bachmuschel zu den seltensten Tierarten in Nordrhein-Westfalen.

Einer der letzten bekannten nordrhein-westfälischen Bachmuschel-Bestände lebt in einem schmalen Graben in der Lippeaue bei Paderborn. Doch der dortigen kleinen Muschelpopulation drohte eine Überalterung und auf Dauer das Aussterben. Eine Bestandsaufnahme im Jahr 2003 ergab, dass der überwiegende Teil der Tiere bereits über 10 Jahre alt war und Jungtiere sehr selten waren.

Die Larven (Glochidien) der Bachmuschel sind in ihrer ersten Entwicklungsphase auf Wirtsfische angewiesen. Nachdem die weniger als einen Millimeter kleinen Glochidien von den Muschelweibchen ins Wasser abgegeben wurden, verankern sie sich ca. einen Monat lang an den Kiemen von Stichlingen, Elritzen oder anderen Fischarten. Danach verbringen sie mehrere Jahre im Sohlsubstrat der Bäche, bevor sie als erwachsene Muscheln auf dem Bachgrund leben und ihre Nahrung aus dem Wasser filtrieren.

Um die kleine Population der Bachmuschel bei Paderborn zu fördern, wurde ein Artenschutzprojekt gestartet, dass durch die Biologische Station Kreis Paderborn-Senne koordiniert wird. Weitere Beteiligte des Projektes sind:

  • Der Landrat des Kreises Paderborn - Umweltamt,
  • Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (LANUV) - Fachbereich 26 Fischereiökologie,
  • Bezirksregierung Detmold - Dezernat 51,
  • Stadt Paderborn - Amt für Umweltschutz und Grünflächen,
  • Sportanglerverein Paderborn 1886 e.V.,

Das Artenschutzprojekt beinhaltet folgende Maßnahmen:

  • Pflege und Optimierung des Lebensraums;
  • Reduzierung der Prädatoren (Fressfeinde) von Muscheln und Wirtsfischen;
  • Erhöhung der Reproduktionsrate der Bachmuscheln durch Glochidieninfektion von Wirtsfischen unter Laborbedingungen.

Zur Optimierung des Lebensraumes der Bachmuschel bei Paderborn wurden und werden folgende Maßnahmen durchgeführt:

  • Verbesserung der Grabenstruktur im Hinblick auf die Lebensraumansprüche der Bachmuscheln und der Stichlinge (Wirtsfische der Bachmuschel);
  • Wiederherstellung der Durchgängigkeit des Fließgewässers;
  • Regelmäßige Mahd der Grabenränder und umsichtige Sohlräumung des Grabens, um eine übermäßige Faulschlammbildung zu verhindern.

Bisams und Aale werden als potentielle Prädatoren der Bachmuscheln bzw. ihrer Wirtsfische im Auftrag des Kreises Paderborn regelmäßig am bzw. im Graben gefangen. Gefangene Aale werden in andere geeignete Gewässer umgesetzt.

Zur Erhöhung der Reproduktionsrate der Bachmuscheln wird seit 2003 eine Infizierung von Wirtsfischen mit Bachmuschel-Glochidien unter Laborbedingungen durchgeführt. Dazu werden jährlich mehrere hundert Stichlinge im Bereich der oberen Lippeniederung und der Senne gefangen und zusammen mit einzelnen trächtigen Muschelweibchen nach Kirchhundem zur Außenstelle Fischereiökologie der LANUV gebracht. Dort werden die Fische in großen Becken gehalten. Sobald die Muschelweibchen ihre Glochidien abgegeben haben, werden diese zu den Wirtsfischen gegeben. So können möglichst viele Glochidien in das Kiemensystem der Wirtsfische gelangen und sich dort festheften.

Nach Abgabe ihrer Glochidien werden die Bachmuschelweibchen unbeschadet in den Graben bei Paderborn zurückgesetzt. Ein Teil der mit Bachmuschel-Glochidien infizierten Fische wird ebenfalls in diesen Graben eingesetzt. Um die Wiederansiedlung der Bachmuschel zu fördern wird ein Teil der Wirtsfische in die Strothe eingesetzt, einem Tieflandbach am südlichen Rand der Senne, der aufgrund seiner Wasserqualität als Lebensraum für die Bachmuschel in Betracht kommt.

Im Mai 2012 wurde der aktuelle Bestand der Bachmuschel im Seitengraben der Lippe bei Paderborn gezählt und die Altersstruktur der Population untersucht. Insgesamt 74 lebende Bachmuschel-Individuen wurden gezählt. Besonders erfreulich: Mehr als 80% der gefangenen Bachmuscheln war zwischen 3 und 9 Jahre alt. Das bedeutet, es gibt wieder eine erfolgreiche Reproduktion der Bachmuscheln. Die akute Gefahr der Überalterung der Population ist gebannt. Die Maßnahmen der zurückliegenden zehn Jahre mit dem Ziel der Bestandsstützung der Bachmuschel-Population zeigen Erfolg.

Dennoch besteht weiterhin die Gefahr des längerfristigen Aussterbens der Bachmuschel-Population bei Paderborn, da diese nach wie vor sehr klein ist. Deshalb soll das Artenschutzprojekt fortgeführt werden.

In der Fachzeitschrift "Natur in NRW" Heft 1/2015 wird das Artenschutzprojekt in einem Beitrag ausführlich beschrieben.

 

Kontakt

Dr. Gerhard Lakmann
Biologische Station Kreis Paderborn-Senne
Birkenallee 2
33129 Delbrück-Ostenland
05250 / 70841-17
gerhard.lakmann(at)bs-paderborn-senne.de